24h Stöffelrace-Klettern im Stöffelpark

„Keine Gravel-Bikes, schon gar keine Akkuräder, kein Massageservice, keine Side-Events, kein Gedöns – und unsere Ausruhpassage heißt ‚Bremsberg‘. Das ist das Stöffelrace: Nur Wurzeln, Dreck und Basalt.“

So bringt der Veranstalter des 24h-Stöffelrace sein Event auf den Punkt.

Nach vier Jahren kehre ich in den Basaltsteinbruch im Stöffelpark zurück, um beim Kampf gegen die Zeit meine Runden zu drehen. Damals wurde ich in einem turbulenten Rennen Vierter (Rennbericht). Zwar ist die sausteile Rampe „Bremsberg“ mittlerweile betoniert – ich bin aber nicht jünger geworden, also wird’s nicht leichter.

Ich bin mit Pamela und den Kids angereist. Zwischen alten Baumaschinen schlagen wir unser Fahrerlager auf und freuen uns, die bekannten Gesichter der Szene wiederzusehen.

Samstag, 12 Uhr – der Startschuss fällt, und die 24 Stunden auf der Anzeigetafel beginnen herunterzuzählen.

Die Startzeit verspricht ein vergleichsweise frühes Rennende am Sonntag, bedeutet aber auch: Bis zu meinem ersten Boxenstopp liegen neun Stunden vor mir.

Im rutschigen Basalt gilt es, die richtige Linie zu treffen, die Mittagshitze zu überstehen und in den eigenen Rhythmus zu finden. Ich reihe mich in die Top 10 ein, während ich mit 14-minütigen Rundenzeiten meine Kreise ziehe.

In der Abendsonne heizt sich der Kessel im Stöffelpark nochmals ordentlich auf. Nach sechs Stunden im Sattel machen sich erste Verschleißerscheinungen bemerkbar. Nicht nur bei mir, auch bei den 2er-, 4er- und 6er-Teams, deren Fahrer sich abwechseln. Wurde ich zu Beginn des Rennens noch von ihnen überholt, bin ich nun derjenige, der an ihnen vorbeizieht. Ungläubige Blicke und Kommentare folgen, als ich mit meiner Solostartnummer plötzlich Teamfahrer überhole. Aber so hart und extrem ist Ultraradsport eben. Viele Solofahrer würden am Ende auch in den Top 10 der Teamwertung landen – würde man sie nicht separat werten.

Kurz vor 21 Uhr: Ich habe mittlerweile 36 Runden absolviert. Die Zeiten liegen konstant zwischen 14 und 15 Minuten. Zufrieden? Ja. Doch die 140 Kilometer und 3.600 Höhenmeter haben ihre Spuren hinterlassen.

Boxenstopp am Wohnmobil – meine Mädels warten schon.

Soe May und Mayla haben alles perfekt vorbereitet: Gummibärchen, Schnittchen, Nüsse, ein warmer Kräutertee – sogar eine Wildschweinbratwurst haben sie beim Nachbarn organisiert. Das ist das Schöne an einem 24h-Rennen: trotz des harten Wettkampfs ist das Fahrerlager wie eine große Familie.

Nach zehn Minuten Pause, Stirnlampe auf dem Kopf, Kette frisch gewachst – zurück auf die Strecke. Die Abenddämmerung bringt eine gute Phase: Die Temperaturen sinken, ich fühle mich wohler. Die alten Industriegebäude des Basaltsteinbruchs sind nun bunt beleuchtet, genauso wie das Museum, das man bei jeder Runde durchquert. Der steile Bremsberg leuchtet grellrot – wie das Tor zur Hölle. Genau so fühlt es sich auch an.

Im staubigen Steinbruch hat sich tagsüber eine schnelle Spur gebildet. Doch mit der Stirnlampe ist alles nur weiß – im aufgewirbelten Staub kaum etwas zu erkennen. Die Schotterabfahrt ist gefährlich, die Spur darf nicht verfehlt werden. Konzentration ist gefragt – gerade jetzt, wo die Müdigkeit zunehmend einsetzt.

200 Kilometer, 5.000 Höhenmeter – geschafft.

Die Anstiege im zweistelligen Prozentbereich setzen mir zu – eher Downhill-Pinguin als Bergziege. Aber was soll’s.

Mitternacht – Halbzeit.

17, 18, jetzt 20 Minuten: Mein Körper kann die Erschöpfung nicht mehr ausblenden. Ich brauche nun fünf Minuten länger für dieselbe Runde. Die Verpflegungsstopps und die Aufmunterung meiner Mädels helfen nur noch homöopathisch. Ich schleppe mich weiter über den Kurs. Auch meiner Frau und Soe May ist die Müdigkeit anzusehen. Mayla liegt bereits im Wohnmobil. Ich schicke sie alle ins Bett. Wirklich helfen können sie mir jetzt nicht. Sie sollen sich ausruhen – nach dem Rennen steht uns noch eine fünfstündige Heimreise bevor.

03:30 Uhr – ich werde zum Lauch.

Ich bin nicht stark genug. Ich will den Schmerz nicht mehr ertragen und beschließe: Pause.

Mit den ersten Sonnenstrahlen geht’s zurück auf die Strecke. Jetzt heißt es: ordentlich essen. Es ist erst halb sechs – mehr als sechs Stunden liegen noch vor mir.

Ich fahre wieder 15er-Rundenzeiten, fast so schnell wie am Samstagmittag. Doch um 8 Uhr schlägt der Mann mit dem Hammer ein zweites Mal zu. Die Rundenzeiten fallen erneut auf 18 Minuten. Einen weiteren Stopp kann ich mir nicht leisten. Ich liege auf Platz vier – jetzt beginnt das Rennen.

Manchmal gibst du alles – doch es reicht nicht.

Florian überholt mich – ich bin Fünfter. Gegen 10 Uhr liegt er acht Minuten vor mir. Zwei Stunden bleiben. Ich versuche eine letzte Attacke: 16, 15, 14, 13 Minuten pro Runde – ich bin so schnell wie beim Start. Zwei Minuten schneller pro Runde als Florian. Meine 80. Runde ist so schnell wie die Erste. In einer Abfahrt rausche ich an ihm vorbei, Platz 4!

Doch keine 200 Meter später kontert er im nächsten Anstieg. Ich kann nichts mehr entgegensetzen. Hätte er geschwächelt, hätte ich kämpfen können. Aber er hat die Körner, die ich gerade bei meiner Aufholjagd verschossen habe. Am nächsten Wendepunkt kommt er mir entgegen – ich nehme Tempo raus, schicke ihm ein „Like“ und gratuliere zu seiner Leistung. Ich gönne ihm diesen Platz – weil ich weiß, mit wie viel Schmerz man ihn sich erkämpfen muss. Diese Art von Rennen ist die Ehrlichste, die es gibt: Du kämpfst nicht nur gegen andere – du kämpfst vor allem gegen dich selbst.

Ich rolle durchs Ziel – und bin unglaublich stolz:

335 Kilometer, 8.300 Höhenmeter.
Unglaublich stolz auf meine Frau und zwei Teenager, die sich im Stöffelpark die Nacht um die Ohren schlagen, um mit und für ihren Papa alles zu geben.

Ich bin auch Realist genug, um zu wissen: Den vierten Platz habe ich nicht zwei Stunden vor Rennende gegen Florian verloren, sondern Sonntagmorgen um 3:30 Uhr – gegen mich selbst, als ich beschloss, vom Rad zu steigen.

Wir feiern eine weitere Top-5-Platzierung und 24 Stunden, in denen man zeitweise Grenzen verschoben – und zeitweise akzeptiert – hat.

Nach oben scrollen