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24h Alfsee-Als SIFA versagt

Ich sitze gerade im Seminarraum in Bad Münstereifel. In meiner Fortbildung als angehende Fachkraft für Arbeitssicherheit beschäftige ich mich hier mit allen Belangen zum Arbeits- und Gesundheitsschutz, um für das Wohlbefinden meiner Arbeitskollegen zu sorgen. Kommende Woche werde ich also meinen Arbeitgeber zu Themen wie, vermeiden von Zwangshaltung, Arbeitsmonotonie oder dem Belastungs-Beanspruchungsmodell beraten. Doch bevor ich das tue gibt’s noch einen Zwischenstopp beim 24h Rennen am Alfsee, wo ich mich völlig monoton und in Zwangshaltung über 24h beanspruchen und aus dem Leben treten werde. Bin ich schizophren, habe ich eine gespaltene Persönlichkeit oder geht sowas noch unter Doppelmoral durch? Naja egal, aktuell habe ich andere Sorgen, denn eine Woche vor Rennstart in der Eifel zu sein, um dann weiter nach Rieste zu Reisen bedeutet auch, ich habe mein gewohntes Betreuerteam nicht dabei. Ohne jemanden, der mich irgendwie bei der Aktion am Leben hält, werden solche Rennen noch schwerer als dass sie ohnehin sind. Da fällt mir plötzlich ein alter Kumpel ein, der in der Nähe von Duisburg wohnt was zufällig auf meiner Reiseroute liegt. In mir keimt das dringende Bedürfnis nach 5 Jahren endlich mal wieder mit Maik zu telefonieren. Ich denke jeder von euch kennt das: die tollen Freunde, die sich lange Zeit nicht melden und dann auch nur weil sie was wollen. Ich mache immerhin kein Geheimnis draus: „Maik kommst mit an den Alfsee, um dir die Nacht um die Ohren zu schlagen und mich beim Rennen zu betreuen?“ Aber genau daran erkennt man die coolen Leute – Maik hat Bock drauf und sagt sofort zu und so wird er bei meiner 3-stündigen Anreise vom Seminarraum nach Rieste aufgegabelt und zum Betreuer umfunktioniert.

!!!Danke Maik!!!

Nachdem wir im örtlichen Supermarkt von Rieste das Womo mit Proviant fürs Wochenende befüllt haben, schlagen wir am Freitag gegen 17 Uhr auf dem Eventgelände ein. Fahrerlager richten, die andern Teilnehmer begrüßen, Startnummer holen und bei nem Feierabendbier bilden wir eine Selbsthilfegruppe für gestörte Solofahrer.

Der Auftrag ist klar

Samstag Renntag

Nach fast einer Woche mit Regen empfängt uns der Alfsee mit Sonne und blauem Himmel. Nach dem Frühstück geht es zur Streckenbesichtigung und nachfolgend bekommt Maik die finalen Instruktionen, während ich mich raceready mache.

Um kurz nach 14 Uhr stehe ich dann mit den rund 100 Solofahrern im Startblock und nachdem ich mich kurz am Mikrofon des Veranstalters melden durfte, um uns allen ein sturzfreies Rennen zu wünschen, fiel der Startschuss zum ersten 24h Rennen der Saison.

kurz vor dem Start

Besonnen zu starten, mich irgendwo um Platz 10 zu positionieren, unter dem Radar der Topfahrer ganz unscheinbar meine Runden ziehen, so ist der Plan. Jeder, der mich kennt weiß, Zurückhaltung und Understatement sind meine größten Stärken (okay, ich muss selber lachen jetzt wo ich das schreibe).

Nun ja, ich bin selbst gerade überrascht, denn es gibt keine Topfahrer, die wie sonst an mir vorbei ziehen. Der Trail nach Start/Ziel sorgt zwar immer für Lücken, aber nach den ersten Runden sind wir immer noch 8 Solofahrer, die mal mit mehr, mal weniger Abstand um den Alfsee kreisen.

Christian Manske ist der erste Fahrer, der nun attackiert und zwar so schnell, dass keiner seinen Speed auf den Flachpassagen trotz Windschatten mitgehen möchte. Ich hänge mich dran, in der Hoffnung irgendwann aus der Sichtweite der 6 Verfolger zu kommen, aber Christian drückt ein Tempo, welches ich über 24h sicher nicht mitgehen kann und richtig geil wird’s dann als er während seiner Führungsarbeit das Handy zückt und ein Selfie von uns beiden schießt. Was ein geiler Typ, was ein geiler Moment, welcher den Spirit dieses Sports auf den Punkt bringt: Wir kämpfen gegen uns selbst und bestenfalls gemeinsam. Entscheidend absetzen können wir uns jedoch nicht.

Die Spitzengruppe

Die 8-Mann Gruppe läuft immer wieder zusammen, während ich mich immer mal wieder versuche abzusetzen. Erst nach sechs Stunden setzt ein natürlicher Verschleiß ein. Manch einer der Favoriten wie Sven Hielscher und auch Christian bekommen technische Probleme, während andere nach den ersten 100 Kilometern einfach an Speed verlieren. Es werden nun pro Runde immer zwei Fahrer abgehängt, da waren´s nur noch 6, dann 4 und dann 2, bis ich dann alleine an der Spitze fahre und nun einen Boxenstopp machen muss. Ich brauche Helmlampe, Akku und etwas wärmere Kleidung für die Nacht. Maik hat die Aufgabe mich spätestens nach 15 Minuten wieder auf´s Rad zu setzen. Wir schaffen es in 13. Von nun an fahre ich einsam an der Spitze und überhole etliche Teamfahrer und die ersten Überrundungen der Solofahre stehen an. In solch einer Situation war ich noch nie. „Vorsicht Spitze des Rennens“ schrei ich voraus. Was mir multiple Orgasmen verschafft, dient lediglich dem Selbstschutz. Leider sind sehr viele Teilnehmer hier gar nicht in der Lage eine Runde fahrend zu bewältigen. In den steilen Deichpassagen springen sie dann einfach vom Rad und blockieren die Fahrbahn. Deshalb kündige ich mich rechtzeitig an, was dann aber trotzdem schief geht. In einer Steigung springt einer vom Rad, quasi direkt in meins und räumt mich voll ab. Aufstehen, Schieben, oben am Berg wieder aufsteigen und weiter geht´s.

Die Stmmung am Alfsee

Mit der eingehenden Dunkelheit und der Lichtpflicht steigt auch das Aufkommen der Insekten in Seenähe. Ich weiß nicht wie viele Kilogramm ich von denen in Runde 13 inhaliert habe, aber für die Kalorienbilanz war es sicher zuträglich. Nicht nur Mensch und Material zeigen die ersten Verschleißerscheinungen, sondern auch die Strecke. Mehrere hundert Mal wurde jetzt das durchnässte Wiesenstück durchfahren, was nun aussieht wie ein Schweineacker, zerfurchter Matsch. Hier durchzukommen ist Glückssache und ich habe gerade verloren. Der zweite Sturz des Tages ist weich und hat das Upgrade einer Fangopackung. Ich stehe Knöcheltief in dem breiigen Erdreich, das Bike lässt sich nicht mal mehr schieben. Ich muss mit aller Gewalt am Lenker reißen, um das Vorderrad überhaupt aus dem Morast zu bekommen.

Der Veranstalter zeigt sich bemüht und sperrt im späteren Verlauf das Stück, drei Stunden früher wäre perfekt gewesen.

Nachts gibt´s die Opfer und im Morgengrauen findet man die Leichen

Es ist Mitternacht und so langsam wird die Zeit der Dramen eingeläutet. Manche Fahrer brauchen längere Pausen, manche kehren erst gar nicht mehr auf die Strecke zurück und es ist erst kurz vor Halbzeit.

Die Nacht wird schwer

Blaulicht, Feuerwehr, organisierte Suchaktion auf der Strecke. Man sucht einen Verunfallten. Wie dies ausging weiß ich nicht, aber ich wünsche alles Gute. Solche Momente unterstreichen den Grenzbereich solcher Rennen und so langsam durchziehen düstere Momente meinen Körper. Mir fehlen schlagartig 50 Watt auf dem Pedal, mir ist übel. Hab ich zu viel gegessen oder zu wenig oder war die Fressekstase in der vergangenen Seminarwoche doch nicht so zuträglich wie erhofft. Mir ist klar, dass ich mit den jetzigen Wattzahlen scheitern werde und mein Wunsch hier aufs Podium zu kommen begraben kann. In Runde 16 ist dann der Ofen aus. Ich brauche 48 Minuten für die Runde, fast 12 Minuten länger als am Vortag. Ich muss kurz bei Maik halten. Kartoffelchips, Gel, Käsebrot und Redpull wird durch sämtliche Körperöffnungen in mich rein gestopft, während Freund Dennis an mir vorbei zieht und ich erstmals seit mehreren Stunden die Führung abgeben muss.

2 Minuten Rückstand habe ich in der Folgerunde, welchen ich unbedingt schließen will. Zum einen will ich Dennis nicht ziehen lassen, zum andern tut mir Gesellschaft gut. Ich schließe zu Dennis auf, aber unser Duett währt nur kurz da, Dennis austreten muss und ich plötzlich wieder Vorsprung habe. Die Tatsache, dass Dennis die Lücke umgehend schließt, zeigt aber genau in welchem Zustand ich gerade bin. Ich lag in Führung ohne einen entscheidenden Vorsprung heraus fahren zu können und aktuell sind andere stärker hier.

Die Nacht war oft mein stärkster Moment, in welchem ich mich innerhalb der Top10 nach vorne geschoben habe, nun ist sie gar nicht auf meiner Seite.

Die Dunkelheit saugt mich aus. Es wird bitter kalt. Ich komme frierend auf Start /Ziel, aber habe keine wärmende Kleidung griffbereit und so fahre ich frierend weiter, während ich mittlerweile 50 Minuten für ein Runde brauche.

Die Nacht hätte mich fast aufgefressen, doch irgendwann kommt die wärmende Sonne über den Horizont, während es mir zunehmend schlechter geht.

Die Nacht durchgestanden

Der Sonnenaufgang ist `ne Bitch

Ein trügerischer Moment den man hier durchlebt. Mit dem Sonnenaufgang erlebt man einen „ich hab´s geschafft“ Moment. In Wirklichkeit ist es 6 Uhr morgens und es sind noch 8 Rennstunden, während man die 300 Kilometermarke durchbricht und nochmal weitere 100 fahren soll.

Alles um mich herum bewegt sich in Zeitlupe, ich sehe nicht mehr scharf, irgendwie geht´s gerade schief. Ich muss mitten auf der Strecke anhalten, um mir ein Gel zuzuführen. Ich bin nicht mal mehr in der Lage einhändig zu fahren und mich wie gewohnt zu verpflegen. Noch immer sind die Top 3 nur wenige Minuten getrennt und die einzige Möglichkeit, um vorne zu bleiben ist ein verkürzter Stopp. Jeder Solofahrer muss sich wieder tagfertig machen. Ich wechsle nur schnell den Helm und lege die Windjacke ab. Mein Rundenzeiten sind mit 43-45 Minuten immer noch grottig, aber so schaffe ich es vorne zu bleiben, während ich meinen kraftlosen Körper um den Kurs am Alfsee schleife.

4 Stunden vor Rennende habe ich 30 Minuten Vorsprung, während mir mein Körper nun eindrücklich erklärt, dass er von diesem Rad runter möchte. Die Nervenbahnen in meinen Fußballen sind eingeklemmt und bei jedem Tritt brennt es wie Feuer. Meine Handballen sind geschwollen – ich fahre freihändig, weil ich den Lenker nicht mehr halten kann und bei jeder Steigung explodieren meine Knie. Ich komme auf Start/Ziel und sehe wie Maik schon hektisch mit der nächsten Trinkflasche winkt. Wenn Betreuer hektisch werden, ist das nie ein gutes Zeichen und die einzigen Worte von Maik sind:

„Daniel du musst schneller werden, sie kommen von hinten“

Lasst mich doch einfach im Graben sterben denke ich mir.

Eigentlich bin ich fertig, eigentlich!

Aber da ist er nun, dieser eine Moment in diesem Rennen. Der Moment, welchem ich schon in Geschichte über Monster“ einen ganzen Blogbeitrag gewidmet habe. Der Moment in welchem Topathleten alles gegeben haben und sich nun ihren ganz menschlichen Bedürfnissen ergeben und die Bühne für die Monster frei machen. Auch ich stehe vor der Entscheidung bin ich Bruce Banner oder Hulk.

Cola, Nussecken und Energiegel sollen das Monster entfesseln, welches ich als Wappentier auf meinem Trikot trage. Ich bin zwar seit 20 Stunden hier am Alfsee, aber eigentlich weiß ich nichts vom Rennen. Ich weiß nicht wer hinter mir liegt, wie schnell die Verfolger fahren oder wie schnell ich fahren muss, damit mir mein Vorsprung nicht ausgeht. Ich weiß nur, wenn ich mich jetzt der Situation ergebe, werde ich hier nicht gewinnen.

Also wie bringe ich den Scheiß hier zu Ende. Die gleichermaßen perverse wie auch logischste Lösung ist Folgende: wenn ich so schnell fahre wie gestern beim Rennstart, wird kaum einer schneller sein und selbst wenn er so schnell ist wie ich, habe ich noch immer Vorsprung. Der Abnutzungskampf der verbliebenen Monster hat begonnen und es ist jener Carsten, der vor rund 18 Stunden das Selfie gemacht hat, der nun Dennis auf Platz 2 und mich auf Platz 1 jagt. Aus 43 Minuten werden 39, dann 38, dann 36. Ich werde jede Runde schneller und plötzlich ziehe ich etliche Team-Fahrer in meinem Windschatten um den Kurs. Einer scheint mich wieder zu erkennen:

„Du fährst ja immer noch so schnell, was stimmt denn mit dir nicht?“ klingt die Stimme von hinten.

„Wir essen zeitig“ lautet meine prägnante Antwort, ehe er am kommenden Anstieg fliegen geht.

So rette ich mich kurz vor 14 Uhr als einziger der Top 3 noch über Start/Ziel, um dann mit einer Runde Vorsprung ins Ziel zu kommen. Wie knapp es war zeigt die Tatsache, dass Dennis, der in der Nacht mit mir um Platz 1 gekämpft hat in der letzten Runde noch von Carsten überholt wurde, der als Zweiter ins Ziel kommt.

Nach 24 Stunden und 22 Minuten komme ich mit 36 Runden und knapp 425 Kilometern ins Ziel. Es folgen drei Interviews und anschließend die Siegerehrung.

Endlich im Ziel

Ein Journalist fragt mich, was mir dieser Sieg bedeutet.

Ich sage ihm: „Gewinnen ist schön, aber jeder, der hier Solo am Start steht, sich durch die Nacht kämpft ist ein Champion. Ich bin heute nur der, welcher für uns alle den Pokal abholt.“

Ich wurde von vielen Teamfahrern angesprochen über ihren Respekt vor den Solofahrern und der Angst es selbst mal Solo zu versuchen. Ich möchte die Aufmerksamkeit diese Sieges nutzen, um Euch Folgendes zu sagen:

Glaubt an Euch, erwartet nicht von Euch, dass Ihr beim ersten Mal 24 Stunden durchhaltet, aber glaubt an Euch.

Fahrt drei Stunden und macht 30 Minuten Pause, dann fahrt Ihr mit der Taktik weiter und schaut wie weit Ihr kommt. Beim zweiten Mal macht Ihr nur 15 Minuten Pausen. Kommt zurück und werdet stärker, gebt nicht auf bis Ihr irgendwann das Monster seid. Glaubt an Euch!

der Wanderpokal

Special Thanks

An Gattin Pamela und meine Kids Soe May und Mayla. Ihr macht mich stark.

An Maik Mandel, den verrückten Betreuer, der mit mir Alfsee gerockt hat.

An meine komplette Crew hinter Becomeapro.one.

Und natürlich an alle Sponsoren, die ich voller Stolz auf meinem Trikot und meinem Blog präsentieren darf.

Das Interview ab Stunde 2:00