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Test & Tech Talk

Brake Force One H2O-race proven!

Lange ist es her, da habe ich dieses Intro zur BFO H2O geschrieben. Nun habe ich endlich Zeit gefunden die Bremse mal ausgiebig zu testen. Wie schon im ersten Teil des Beitrags geschrieben, habe ich die Leitungen gekürzt, noch bevor die Bremse zum Upgrade zu BFO ging. Nachdem die Bremse nun zurückkam, stand zunächst die Montage bevor.

Montage

Auffällig war hier lediglich das niedrige Anzugsmoment der Klemmschelle. 1,5-2 NM reichen hier laut Anleitung aus, um ein festen Sitz der Pumpe am Lenker zu generieren. Als weniger fest montierbar, entpuppten sich jedoch die dünnen Bremsleitungen. Weder an den Leitungsführungen des Rahmens, noch am Gabelhalter ließen sich diese klapperfrei klemmen. Wer sich an so etwas stört, sollte hier unbedingt Schrumpfschlauch oder ein Schaumstoffüberzug über die Bremsleitung ziehen.

Der massive Bremssattel und die 160mm Rotoren wurden via Torx25 Schlüssel entsprechend montiert. Dabei glänzten die Scheiben mit tollem Planlauf, was wiederum ein schnelles und schleiffreies Einstellen des Bremssattels ermöglichte.

Nachdem alles montiert war, wurde nun noch der Druckpunkt wie auch die Hebelweite, werkzeuglos eingestellt. Interessant war hierbei das Einstellen der Hebelweite: durch eine filigrane Schraube wird hier der Hebel vom Pumpengehäuse weg- und dadurch zum Lenker hin gedrückt, was wiederum zu einem absolut spielfreien Sitz des Hebels führt.

Der Hebel liegt super am Finger

Testfahrt

Vor der ersten Testfahrt hatte ich ja mit vielem gerechnet, mangelnder Bremsleistung, wenig Standfestigkeit, bis hin zu Ausfallerscheinungen. Ich war auf alles vorbereitet was ich bisher über die BFO H20 gelesen hatte. Doch was dann folgte, das hatte selbst ich nicht erwartet. 400 Tiefenmeter hatte ich mir ausgesucht um die BFO H20 intervallmäßig einzubremsen. Dabei überraschte mich die BFO H20 schon beim ersten Hebelzug mit einer überraschend hohen Bremspower, wie ich sie bisher nie an einer XC Bremse erlebt hatte. Es folgten mehrere Bremsungen bis zum Stillstand, am Ende der Abfahrt gab´s einen kurzen Boxenstopp um die Scheiben zu begutachten. Die 160mm Rotoren hatten keinerlei Probleme mit meinem >80Kg Körpergewicht und überzeugten nach wie vor mit einem schleiffreien Planlauf auch im Hitzezustand. Noch beindruckender als die Bremskraft, war jedoch die unglaubliche Ruhe mit der die BFO H20 agierte. Kein Rattern, kein Gluckern, kein Quietschen weder beim Bremsen aus hohen Geschwindigkeiten noch kurz vor dem Stillstand.

Hier scheinen der massive, steife Bremssattel, die verhältnismäßig großen Bremsbeläge und die wertigen Scheiben für einen hohen Reibwert mit gleichermaßen hoher Bremssteifigkeit zu sorgen. Zudem überzeugt der  1-Finger Hebel mit perfekter Ergonomie ich selbst besitze eher kleine Hände.

Viel Liebe bekam die Bremse nicht

Dagegen gar nicht überzeugend war bis zu diesem Zeitpunkt die Bedienung der Bremse. Schon im Stillstand, ohne nennenswerten Leerweg, spürte man beim Ziehen des Hebels einen satten, harten Druckpunkt. Üblicherweise denkt man hier an den Druckpunkt der Bremse, welcher den Bremsvorgang definiert und zum Blockieren der Bremse führt. Bei de BFO H20 ist dies aber völlig anders. Dieser harte Druckpunkt ist als Losbrechmoment der Bremse zu sehen, welcher erst mit entsprechender Handkraft überwunden werden muss, bevor nachfolgend mit deutlich weniger Handkraft der Bremsvorgang beginnt!

Hier wirkt der Bremsvorgang dann jedoch wie ferngesteuert.

Üblicherweise steigt mit zunehmend eingeleiteter Handkraft auch die Bremskraft. Der Fahrer entwickelt ein Gespür, eine intuitive Bedienung „wenn ich nun so fest ziehe, dann bremse ich so fest bzw. blockiert mir das Rad“

Mit ferngesteuert meine ich bei der BFO H20 aber Folgendes: Je weiter man den Hebel zieht, desto mehr verzögert sie (logisch). Allerdings ändert sich dadurch die Handkraft gar nicht. Hebel weit ziehen = stark bremsen, weniger weit ziehen = schwach bremsen. Wie bei einem ferngesteuerten Auto, welches beschleunigt werden möchte. Erschwerend hinzu kam noch, dass das erwähnte hohe Losbrechmoment der Bremse dafür sorgte, dass man (also ich) fest am Hebel zog, um dieses zu überwinden um danach brachial und ungewollt zu verzögern, weil man durch die abfallende, benötigte Handkraft den Hebel entsprechend weit gezogen hatte.

Selten lagen bei einer Bremse Freud und Leid so nah zusammen. Hatte die Bremse durch ihre Bremspower, Standfestigkeit und Steifigkeit überzeugt, so schien sie mir Dank ihrer Haptik und Dosierbarkeit gerade auf technischem Terrain unfahrbar. Genau diese Meinung verhärtete sich auch auf den nachfolgenden Ausfahrten. Im Tippbetrieb über Wurzeln und Steine zu manövrieren oder im Schleifmodus um Serpentinen zu zirkeln, all das war zwar möglich, jedoch war ich hier definitiv langsamer als gewohnt unterwegs.

 

Ein zweites Aha-Erlebnis stellt sich erst 4 Wochen später ein. Eine Abfahrt mit anschließend 30% Gefälle galt es zu meistern. Bei meinen früheren Ausfahrten war ich am Ende des Trails immer froh, meine schmerzenden Finger wieder strecken zu können. Nicht so bei der BFO H20. Die gleichbleibende Handkraft sorgte dafür, dass man völlig entspannt  am Rande der blockierenden Räder Bremsen konnte, ohne nur ansatzweise schmerzende Finger zu bekommen. Was ich der BFO H20 bis dato als negativ ausgelegt hatte, hatte also auch gewisse Vorteile.

Die BFO H20 bei der Marathon DM

Viel erstaunlicher war jedoch, dass mit dieser finalen Bremsung, das ungewünschte Losbrechmoment völlig verschwand. Ich weiß bis heute nicht worauf dies zurückzuführen ist. War es das eine, intensive Heißbremsen oder einfach nur eine gewisse Einbremszeit, die die BFO H20 benötigte? Von diesem Moment an gelang es mir nun deutlich besser die Bremse zu dosieren. Von einem Moment auf den andern hatte ich hohe Bremspower, kombiniert mit einer annehmbaren, wenn auch immer noch gewöhnungsbedürftigen Dosierbarkeit und bisher ungewohnt geringen Bedienkräften. Von nun an machte die BFO H20 richtig Spaß und einem Einsatz bei den kommenden Rennen stand nichts mehr im Wege. Es folgte der Einsatz bei der Deutschen Marathon Meisterschaft bei der es 3200 Tiefenmeter für die BFO H20 zu meistern gab.

Bei diesen schnellen Abfahrten überzeugte die BFO H20 weiterhin mit ihrer enormen Bremspower, mit den 160mm Rotoren bot sie genügend Standfestigkeit. Wer jedoch öfters längere Abfahrten meistert oder gewisse Reserven schätzt, sollte ab 80Kg zu 180mm Rotoren greifen, zumindest an der Front. Ansonsten gab sich die Bremse komplett unauffällig, nach zwei Bachdurchfahrten wurde die Bremse mal kurz laut, verstummte dann aber schnell wieder.

Nach weiteren Trainingseinheiten folgte ein 6 Stunden Rennen. Kein wirklicher Anspruch für eine Bremse, zuverlässig funktionieren musste die BFO H20 auf dem eher welligen mit Trail‘s gespickten Rundkurs trotzdem.

Auch beim 6h Rennen schenkte ich der BFO H2O mein Vertrauen

Auch hier agiert die Bremse völlig zuverlässig.

Viel Liebe bekam die BFO H20 übrigens nicht. Nach einigen Ausfahrten wurden mal die Beläge angeraut und der Druckpunkt etwas nachgestellt.

 

Am Überzeugensten agierte Die Bremse zwei Wochen später. Beim 12h Rennen in Külsheim galte es nach zwei schnellen ruppigen Abfahrten hart in die folgende Kurve zu Bremsen. Während meine Mitstreiter nach Rennhalbzeit über schmerzende Finger in diesen Passagen klagten, konnte ich über die gesamte Renndauer später und wesentliche entspannter Bremsen was mir hier tatsächlich das Überholen ermöglichte. Bei kürzeren Ausfahrten sind die geringen bedienkräfte der BFO H2O trivial, bei solch einer Renndistanz aber ein unglaublicher Vorteil.

Nach etlichen Trainingseinheiten und Rennen kommt nun der Zeitpunkt, an dem ich die Negativbeiträge über diese Bremse nicht bestätigen kann. Ich habe weder den Eindruck, das Wasser als Bremsmedium ungeeignet ist, noch das die Bremse an ihre Grenzen kam oder ich einen Totalausfall zu befürchten hatte. Mir ist bewusst, dass es auch anspruchsvolleres Testterrain wie lange Alpenabfahrten oder ähnliches gibt. Ich bin mir dennoch sicher, dass ich mit >80Kg und durch die Verwendung von 160mm Rotoren die Bremse entsprechend gefordert habe. Ich selbst werde die Bremse auch voller Überzeugung bei meinem 24H Solo einsetzen. Der Knackpunkt hierfür war aber ganz klar, dass sich das Bremsverhalten nach 4 Wochen Einfahrzeit so eklatant verändert hatte!

12h ich bin platt, die BFO H20 noch souverän

Vor meinem Testfazit ging ich auch mit Fahrern vom Freiburger Merida Pilsener Team ins Gespräch, diese verwenden die Bremse an ihren Rennbikes.

Hier untermauerten die Fahrer mein Empfinden. Extrem hohe Bremskraft aber gewöhnungsbedürftiges Dosierverhalten, an das man sich aber mit zunehmender Einsatzdauer gewöhnen kann.

Fazit

Zu Testbeginn war ich durch die bestehenden Berichte recht verhalten was meine Meinung zur BFO H20 anbelangt, zwar konnte sie gleich bei der ersten Ausfahrt durch ihre hohe Bremspower, Standfestigkeit und Steifigkeit punkten, überzeugen konnte sie jedoch aufgrund ihres Handlings und Dosierbarkeit nicht. Die höchste Bremspower nützt nichts, wenn ich diese nicht entsprechend  dosieren  kann. Entscheidend war nun, dass sich im Testverlauf das Bremsverhalten gänzlich geändert hatte. Nach jetzigem Stand ist die BFO H20 den meisten Bremsen im OEM Markt in Sachen Gewicht, Bremspower und Steifigkeit überlegen, so dass der Gedanke einer Nachrüstung durchaus berechtigt ist. Die Frage ob Wasser nun das „beste“ oder „bessere“ Bremsmedium am Markt ist, lasse ich unbeantwortet.

Für mich ist DOT, Mineralöl oder nun Wasser nur Mittel zum Zweck aber kein Kaufkriterium. Dabei sollte man nicht vergessen, dass auch das Wasser der BFO H20 giftiges Glysantin benötigt, um nicht einzufrieren. Ob die Probleme der Vergangenheit wie Beispielsweise die klemmenden Kolben nun gänzlich eliminiert wurden, möchte ich nicht beurteilen, dafür war die Testdauer zu gering. Das positive Feedback meines Beitrags, hat sich die BFO H2O aber definitiv verdient.

Die BFO H2O rockt mit ihrer Power

Die BFO H20 eignet sich vor allem dann, wenn ein hoher Geschwindigkeitsüberschuss vernichtet werden muss. Dies macht sie so brachial und mit einer Lauf(Brems)ruhe, wie ich sie bis dato von keiner Bremse in der XC Kategorie kannte. Gerade das hat mir als schwerer Fahrer mit >80Kg besonders gefallen. Wer gern über technisch-verwinkelte Kurse gleitet, dem wird die Dosierbarkeit bzw. das ferngesteuert Bremsverhalten weniger zusagen. Auch wenn dies im Laufe des Tests deutlich besser wurde, können das andere Bremsen besser. Während der ganzen Testdauer agierte die Bremse absolut souverän. Ich hatte niemals Bedenken, dass ich diese Bremse überfordere oder ich bald mit Ausfallerscheinungen zu kämpfen habe.

Happy ride

Euer

Daniel