Vittoria Gato II-bissiger Tiger oder zahnlose Mietzekatze?

Seit April liegt nun die 2. Generation des Vittoria Gato bei mir im Regal. Alleine schon diese Tatsache zeigt, dass ich dem Reifen bis dato kaum Aufmerksamkeit geschenkt habe, doch warum eigentlich?

Ist es der Tatsache geschuldet, dass ich mit Mezcal, Peyote und Barzo sowieso schon die vermeintlich ideale Reifenkombinationen gefunden habe oder vielleicht daran, dass ihm durch den Gato der ersten Generation noch etwas der Charme des ausgeprägten All Mountain Reifens anhaftet? Ich weiß es selbst nicht, aber definitiv schenke ich dem Reifen kaum Beachtung. Es gibt dann aber doch den einen Punkt, der mein Interesse weckt: die damalige Neuentwicklung des Mezcals mit seiner G+ und 4C Technologie konnte mich vom ersten Moment an überzeugen. Während der Peyote und Barzo weiterhin auf dieses Feature warten, schenkt Vittoria dem Gato deutlich mehr Aufmerksamkeit als ich und entwickelt nun mit dem Gato II keinen All Mountain Reifen mehr, sondern einen neuen XC/Trail Reifen, der als Einziger neben den Mezcal, die besagte 4C und G+ Technologie besitzt.

Erst jetzt im Oktober, nach der Rennsaison entschließe ich mich dazu, mich mal mit dem Reifen zu beschäftigen. Ein Reifentest beginnt bei mir immer erst mit etwas Internetrecherche und einer klaren Definition der Testbedingungen.
Es beginnt zunächst damit, was der Reifen überhaupt laut Hersteller können soll. Wo ist sein bevorzugtes Einsatzgebiet, seine Stärken und seine Schwächen. Im 2. Schritt suche ich nach Vergleichstest oder Erfahrungen mit dem Reifen, um vorab schon ein Gefühl dafür zu bekommen wie der Reifen funktionieren soll. Und genau hier beginnt schon das Abenteuer mit dem Gato II, denn laut Spezifikation ist der neue Gato ein XC-Trail Reifen für wechselnde Untergründe mit extrem hoher Nasshaftung. Zusammengefasst ist der Gato also weder schneller XC Reifen, noch Matschreifen, noch All-Mountain Reifen. Die Tatsache, dass der Gato II in keine Kategorie so recht einzuordnen ist, sorgt im 2. Schritt dafür, dass es weder Vergleichstests gibt und gerademal 2 geschrieben Erfahrungsberichte im Internet zu finden sind. Es scheint gerade so, als würde der Rest der Mountainbiker den Gato II genauso stiefmütterlich wahrnehmen wie ich, und das obwohl der Gato II als Neuentwicklung für 2017 angekündigt war. Schaut man sich das Produktportfolio der Mitbewerber nämlich genauer an, entdeckt man bei Schwalbe, Maxxis und Continental ein und dieselbe Klassifizierung der Reifen. Ein oder zwei leicht profilierte XC/MA Reifen, werden ergänzt durch semislickartige Hinterreifen. Wer nach mehr Haftung sucht landet schnell im All-Mountain Sortiment. Für nasse Bedingungen bieten alle einen schmalen Matschreifen. Ein stark profilierten XC Reifen der durch niedrigen Rollwiderstand und gleichermaßen hohen Nassgrip überzeugen soll, findet man nicht annähernd. Das Mysterium um den Gato II wächst weiter. Ich selbst habe die Reifen bis dato nämlich auch in diese besagten Kategorien gezwängt und weiß nun selbst nicht so genau, was der Gato II nun können soll? Soll er mir den Matschreifen ersetzen, soll er leicht Rollen, soll er mit seinem Grip-Niveau den All-Mountain Reifen ersetzen und in welchem Terrain soll ich ihn nun überhaupt testen. Ich tappe weiter im Dunkeln und auch die 2 Testberichte aus dem Internet sorgen für wenig Erleuchtung.

 

Testbericht Pinkbike

Ein Kerl aus Britisch Columbia ersetzt seinen Continental Baron 2.4 Zoll durch den neuen Gato in 2.2“. Er freut sich zunächst, dass der 800g schwere Reifen gut 250g zum Baron spart. In einer Euphorie von wahren Beschleunigungsorgien bescheinigt er dem Gato II ein Grip-Niveau, wie es höher bei einem 2.2“ Reifen nicht sein könnte. Er empfiehlt den Reifen für Leute, die viele auf nassem Terrain unterwegs sind. Er selbst ist so angetan, dass er den Reifen nun ganzjährig auch bei trockenen Bedingungen fährt.

Testbericht twentynineinches-de

Ich selbst hab schon Tests für diese Format geschrieben und weiß, dass dieses Magazin recht „All Mountain“ lastig agiert. Auch hier wurde der Gato II an einem All Mountain Fully getestet. Dem Gato II wird auch hier ein hohes Grip-Niveau bescheinigt. Lediglich der Seitenhalt auf losem Fels und mangelnden Traktion im Matsch werden kritisiert. Als Ursache werden hier die recht kleinen Außenstollen sowie die mangelnden Querstollen genannt.

Bei beiden Tests habe ich jedoch den Eindruck, dass man hier immer noch den Vergleich zu einem All- Mountain Reifens sucht, zwar nicht verwunderlich, da der Gato I genau ein solcher war. Aus Sicht eines XC-MA Fahrers wird der Reifen jedoch nicht beurteilt und somit bleibt es wohl an mir, den Gato II aus genau solch einer Sicht zu beleuchten und es sei vorab gesagt, nein ich freue mich nicht über einen 800g schweren Reifen!

Spezifikation

Vittoria hat den Gato II ganz klar einem speziellen Einsatzgebiet zugewiesen, fast schon untypisch für Vittoria ist aber, dass man das mögliche Reifenformat hier ganz klar einschränkt. Bekommt man die meisten anderen Modelle in etlichen Laufradgrößen, Breiten und Ausführungen so ist der Gato II nur in 27,5 und 29 Zoll erhältlich und das lediglich in 2,2“ Breite. Ich selbst entscheide mich immer für die TNT (tubeNotube Variante mit Greywall Karkasse) Version mit verstärkter Seitenwand, schon der Mezcal hat gezeigt, dass die Technologien 4C und G+ zunächst immer nur in den Topversionen der Reifen zum Einsatz kommen. Obwohl die faltbare Version des Reifens gut 70g leichter wäre, ist die TNT Version dafür die Schnellere. Beim Mezcal sind es ganze 8 Watt pro Reifen für den Gato II findet man leider keine Werte.

Vittoria Gato II

Größe—29×2,2“

Gewicht—810g gemessen

Breite—55mm bei 25mm MW

Stollenhöhe—3,5mm (Mitte)

Karkasse—TNT mit verstärkter Seitenwand

Technologien G+ , 4C

G+
Graphene ist eine zweidimensionale Kohlenstoffverbindung, welche als Werkstoff in einigen Reifenmodellen von Vittoria zum Einsatz kommt. Genannt wird dies G+ Isotech Compound. Der prognostizierte Mehrwert durch den Einsatz von Graphen beschreibt Vittoria wie folgt:

•Verringerung des Rollwiderstandes
•Erhöhter Nassgrip
•Weniger Verschleiß
•Verringerung des Reifengewichtes
•Höherer Pannenschutz

4C
Das bei einem Reifen mittlerweile mehrere Gummimischungen zum Einsatz kommen, ist nun nicht außergewöhnlich, dass Vittoria das nun aber in den einzelne Stollen tut schon und ist für mich zunächst die größte Innovation dieses Reifens. Im gesamten Reifen kommen 4 verschiedene Gummimischungen zum Einsatz.

So besitzen die Mittelstollen eine weiche Gummimischung im Kern, bedeckt von einer harten Mischung an der Oberfläche. Bei Beschleunigungs- und Bremsmanövern, kann sich nun der Stollen verformen und sorgt für die nötige Haftung und Traktion. Geht man danach wieder in eine gleichmäßige Vorwärtsbewegung, „verhärten“ sich diese Stollen wieder. In Kombination mit dem schlanken Mittelsteg und der härteren Deckschicht, sorgt dies für einen niedrigen Rollwiderstand ohne die Haftungseigenschaften negativ zu beeinflussen. Bei den Außenstollen gilt das umgekehrte Prinzip, ein harter Kern soll das Wegknicken des Stollens vermeiden und sorgt für Stabilität, eine wesentlich weichere Deckschicht für Grip sorgen. Diese kann sogar deutlich weicher sein, wie die der Mittelstollen, da der Hauptverschleiß des Reifens meist bei der mittigen Lauffläche liegt.

In der Hand

War man in der jüngsten Vergangenheit eher eine asymmetrische Stollenanordnung gewohnt so wirkt der Gato II beim Blick aufs Profil zunächst eher altmodisch. 5 Stollenreihen, diese exakt hintereinander angeordnet. Die sich dadurch ergebenden Längsrillen, zeugen von einer sehr guten Spurtreue. Erst bei genauerem betrachten der Stollen erkennt man die neuen Features des Reifen. Als Vorbild dient hier die Automobilindustrie, besser gesagt die Winterreifen. Jeder Stollen des Gato II ist nämlich mit zusätzlichen Lamellen bestückt. Wie beim Winterreifen sollen diese für zusätzliche Haftung bei Nässe sorgen. Zusätzliche statische Griffkanten bei Fahrradreifen sind bekannt, aktiv mitarbeitende Lamellen eher nicht. Bei den Mittelstollen sind diese Lamellen quer, bei den Seitenstollen schräg und bei den Außenstollen in Längsrichtung angeordnet. Spätestens jetzt merkt man, man hat sich bei diesem Reifen richtig Gedanken gemacht.

Montage

Zum Reifentest liefert mir Radsporttechnik Müller einen passen Newmen Laufradsatz, gegenüber des regulären Newmen Evoluten SL X.A. 25 spare ich nochmals 60g beim Aufbau von Hand durch die Verwendung von Sapim CX Ray Speichen. Mit dem 1390g schweren Laufradsatz versuche ich dem 800g schweren Gato II den nötigen Vorwärtsdrang einzuhauchen. Dass ich den Gato II aber immer noch nicht ganz ernst nehme, zeigt die Tatsache, dass ich ihn mit einem 160g schweren Schlauch auf der Newmen Evolution SL X.A. 25 Felge montieren. Alle andern Reifen hab ich mit 80g Dichtmilch getestet nun bestücke ich den ohnehin schon schweren Gato II mit 80g Zusatzgewicht kombiniert mit schlechterem Walkverhalten. Ein unfairer Vergleich, wie ich im Nachgang feststelle. Die Reifen lassen sich ohne großen Aufwand auf der Felge mit 25mm Maulweite montieren. Das gilt für die Montage mit Schlauch, wie auch tubeless. Bei der tubeless Montage gehört Vittoria definitiv zu den Besten am Markt. Montage von Hand, mit der Standpumpe aufgepumpt, sofort dicht und einsatzbereit. Ich adaptiere diese positiven Erfahrung der tubeless Montage von Mezcal, Peyote und Barzo nun auch auf den Gato II ohne es bis dato getestet zu haben.

Nachdem der Gato II nun montiert wurde, entfaltet er sein komplettes Erscheinungsbild. Beim ersten Betrachten wirkt diese Reifen mit seinen endlos wirkenden Stollenreihen wie ein Tausendfüßler, irgendein Stollen wird hier immer Grip haben, denke ich mir. Bei 2 Bar Reifendruck geht es nun ans Vermessen. Auf der Felge mit 25mm Maulweite misst der Gato II 55mm, für 2,2“ baut er also ziemlich genau. Beeindruckt bin ich jedoch von der Stollenhöhe 3,5mm misst hier der Mittelstollen, mein bis dato als Gripmonster betitelter Barzo hat ca. 3mm, Peyote und Mezcal deutlich weniger!

Also doch ein All-Mountain Reifen?

Nein, dagegen sprich die schlanke und rundlich Bauform, der Gato II behält nämlich die Stollenhöhe über den kompletten Querschnitt bei und besitzt somit keine hervorstehenden Außenstollen. Somit wird auch die Testaussage von twentynineinches-de plausibel, die dem Gato II, mangelnden Seitenhalt auf losem Fels unterstellen. Da dem Gato II Schwächen bei der Traktion im Matsch nachgesagt wurden, entschließe ich mich den Hinterreifen entgegen der Laufrichtungsempfehlung zu montieren. So beschere ich dem Gato II statt dem typischen V-Profil doch sichtlich „mehr“ Querstollen.

Also doch ein XC Reifen?

Ich gebe es mittlerweile auf, den Gato II in irgendeine Kategorie einzuordnen, stattdessen mach ich mir Gedanken über das Testterrain in welchem ich den Gato II bewegen möchte. Glücklicherweise wird mit diese Entscheidung am Teamtreffen in Freudenstadt abgenommen. Es hat mittlerweile 2 Tage lang geregnet, der laubbedeckte Waldboden ist aufgeweicht, aber nicht matschig. Der Organisator kreiert ein Fahrtspiel, bei dem es für das Befahren von Trails, Punkte gibt, einfache Punktzahl für Runter, doppelte für Hoch. Mit eingebaut in dieses Trailhopping ist die Bundesligastrecke von Freudenstadt, Pumptrack, Matschlöcher, Rockgarden und Wuzeltrails, hier bleibt kein Terrain unbefahren.

Bingo!!!

Am heutigen Tag soll ich einen ausgewiesenen XC Trailreifen für nasse Bedingungen testen und als Streckenvorlage bekomme ich den ganzen Tag nasse Sahnetrails. Besser könnt dieser Test nicht starten.

Auf dem Trail

Wir fahren vom Hotelparkplatz los, schon nach einigen Metern der erste „AHA-effekt“. Ich hab mich gedanklich immer nur mit dem mögliche Gripverhalten und dem dazu passenden Terrain für den Gato II beschäftigt. Über das Abrollverhalten auf Asphalt oder Hardpack hab ich mir so gar keine Gedanken gemacht. Der Gato II läuft absolut Geräusch- und Vibrationsarm zudem sorgt die im Querschnitt betrachtete runde Bauform für ein geniales Kurvenverhalten. Auf nassem Asphalt bekomme ich ein maximales Vertrauen in die Schräglage, trotz der Stollenhöhe kein schwammiges Einlenken und kein Wegknicken der Außenstollen. Der allseits bekannte Effekt der All-Mountain Reifen, wenn man nach dem Trailspaß nach Hause möchte und man auf Asphalt das Gefühl bekommt man sitzt auf einem ballonförmigen Traktorreifen. Wenn man spürt wie der Reifen Energie zieht, während die Stollen mit einem lauten Schmatzgeräusch auf den Asphalt treffen, genau das bleibt beim Gato II gänzlich aus. Selbst bei einem niedrigen Luftdruck von 1,6 Bar vorne und 1,7 Bar hinten bei 83Kg Fahrergewicht lässt sich der Gato II hier nicht aus der Ruhe bringen. Nach einem Aufstieg über Forst- und Asphaltstraßen geht es in den ersten Trail. Bei den Uphilleigenschaften möchte ich zunächst nix beschönigen es gilt, 800g rotierende Maße den Berg hoch zu bringen. Andere XC Reifen sind da gerne 150g leichter, die Alternativen aus dem All Mountain Segment haben dafür das gleiche Kampfgewicht.

Es geht in den ersten Trail, 40 Serpentinen gilt es hier auf weichem Waldboden bedeckt von Fichtennadeln zu bewältigen. Der Gato II fühl sich auf Anhieb gut an, mit direktem Handling und der vermuteten Spurtreue gelingt es mir, um die nassen Querwurzeln in den Serpentinen zu zirkeln, ich selbst sitze noch bocksteif auf dem Rad, es ist das mangelnde Vertrauen in mich selbst was mich zum Schieben in einigen Passagen bringt. Am Trailende gibt’s dann den Quervergleich zu meinen 3 Mitstreitern, die alle mit unterschiedlichen Reifenmarken aus der XC Abteilung unterwegs sind. Hier kommt eine weitere interessante Eigenschaft des Gatos zum Vorschein, während alle anderen Reifen mit ihrem weitläufigen Profil voll frei sind, hat sich der Gato II mit seinen engmaschigen Stollenreihen komplett mit dem teigigen Waldboden und den Nadeln zugesetzt. Dies geschieht aber auf der kompletten Lauffläche immer nur zu ca. 70% der Stollenhöhe, so dass der Reifen nie zuschmiert und man permanent von dem Grip Niveau der endlos scheinenden Stollenreihen profitiert. Wir fahren weiter zur Bundesligastrecke. Auf Asphalt braucht es dann keine 10 Meter und der Gato II ist komplett frei. Dies unterstreicht die Aussage von Vittoria, dass der Gato II auf wechselndem Terrain ein permanent hohes Grip Niveau erreicht, wie es in folgendem Video veranschaulicht wird.

 

Auf der Bundesligastrecke folgt nun der Härtetest für den Gato II, Rockgarten, Pumptrack auf weichem Waldboden, steile Uphills durchzogen mit nassen Felsplatten und Wurzeln bis hin zu einigen Pfützen, bei denen ich über die volle Reifenhöhe inklusive Felge einsinke. Der Gato II gibt sich hier keine Blöße, ich bin es, der dieser Strecke teilweise nicht gewachsen ist, nicht mein Reifen. Im Quervergleich zu den Reifen meiner Mitstreiter setzt sich der Gato II auf diesem Terrain nicht mehr oder weniger zu.
Gestärkt durch die Mittagspause steht der 2. Testabschnitt an, das Terrain wird trockener, die Trails meist flowiger. Mittlerweile bin auch ich aufgetaut und da ich mich nun an das Fahrverhalten des Gatos gewöhnt habe, versuche ich ihn an der ein oder anderen Stelle zu überfordern. In steilen Rampen gehe ich bewusst in den Wiegetritt um ein Durchdrehen zu provozieren,was mir weder auf feuchter Wiese, noch auf von Steinplatten durchsetzten Trails gelingt. Lediglich an einer matschigen Bergaufpassage trete ich eine viertel Kurbelumdrehung ins Leere bis der Gato II wieder Grip findet. Ob es an der Stelle ein anderer XC- oder ein All-Mountain Reifen besser gekonnt hätte, weiß ich nicht zu beantworten. Auf dem Rest der Tour wird der Gato II nur noch an zwei Stellen auffällig. Wir klettern einen mit nassen Wurzeln durchzogenen Trail hinauf. Um die durch Stein und Wurzel entstanden Kanten zu überwinden, muss mein Vordermann immer sein Hinterrad entlasten, damit der Reifen an diesen Kanten Haftung finden. Jedes Mal versetzt der Reifen seitlich, rutscht quasi an dieser Kante entlang und es vergeht ein kurzer Moment bis der Reifen diese Kante überwindet, im Wiegetritt muss mein Vordermann immer wieder Speed aufnehmen. Ich selbst pedaliere mit kontinuierlicher Frequenz diesen Uphill hinauf, der Gato II hat permanent Traktion am Heck. Gefühlt bin ich wesentlich effizienter unterwegs als mein Vordermann.

Die Trailorgie ist beendet und es geht zurück zum Hotel, die letzten Kilometer werden wir auf Asphalt bewältigen und wir drücken kurzzeitig aufs Tempo. Bei über 30 Km/h tritt das obligatorische Surren einer 4 Mann starken MTB Gruppe auf, ich höre die Reifen neben mir und den des Vordermannes, den Gato II nicht. Er ist zu diesem Zeitpunkt definitiv der leiseste Reifen in der Gruppe und unterstreicht damit mein Gefühl, dass dieser Reifen trotz sein 800g nicht langsam ist!

Erster Eindruck

Ich selbst habe es dem Gato II zu Testbeginn nicht einfach gemacht trotzdem sorgt der Reifen hier und da für den „AHA-effekt“, der mich nun dazu treibt ihn weiter zu testen. Ich werde ihn im weiteren Testverlauf auch mit Dichtmilch fahren, um für Chancengleichheit im Quervergleich zu den andern Reifen zu sorgen. Mit Dichmilch, gut 80g weniger rotierender Masse und einem deutlich besseren Walk- und Grippverhalten wird der Gato II sicherlich noch mehr positive Akzente setzen können. Mit 800g Masse erzielt der Gato II nicht die Beschleunigungswerte der XC Konkurrenten, durch die wenig ausgeprägten Außenstollen nicht das Grip Niveau eines All-Mountain Reifens. Dies wäre ein vernichtendes Urteil, würde man den Gato II nach Kriterien beurteilen in die er wie zu Testbeginn beschrieben nicht eindeutig passt. Man muss sich mit dem Gato II schon intensiver beschäftigen, ihn mal fahren und sich auch gedanklich etwas von den Reifenkategorien befreien, um den Gato II vernünftig beurteilen zu können. Anders betrachtet kann man nämlich auch sagen, es gibt keinen All- Mountain Reifen, der so schnell ist wie der Gato II und keine XC Reifen der so viel Grip Reserven bietet. Man muss Vittoria hier einfach zugestehen, dass sie einen einzigartigen Reifen entwickelt haben.

Dem Reifen eines XC Formats hat man eine überdurchschnittliche Stollenhöhe verpasst, dabei aber mit gleich hohen Außenstollen ein homogenes Einlenkverhalten, statt mit erhöhten Außenstollen viel Seitenhalt geschaffen. Mit den engen Stollenreihen und der Zugabe von Graphene hatte man bei der Entwicklung jederzeit den niedrigen Rollwiderstand im Visier, um dann mit ausgeklügelter Lamellentechnik und dem 4C Compound maximalen (Nass-) Grip und Traktion zu erzeugen.

Statt nun permanent zu versuchen diesen Reifen in eine Kategorie zu zwängen oder den Quervergleich mit andern Reifen zu ziehen, beschäftige ich mich nun lieber damit, wo ich den Reifen einsetzen werde und wem ich ihn empfehlen würde.

Gato II oder nicht

Als ausgewiesener XC-Reifen wird der Gato II zumindest auf deutschen Kursen kein Erfolg haben. Auf selektiven, verwinkelten Kursen wird ein 800g schwerer Reifen nicht konkurrenzfähig sein, zudem sind XC Fahrer technisch so versiert, dass sie selbst bei schlechten Bedingungen noch sehr gut mit den üblichen, schwächer profilierten XC-Reifen zurechtkommen. Erst bei wirklich schlechten, matschigen Verhältnissen wird dann meist zu reinen Matschreifen gegriffen.
Lange überlegen für einen möglichen Einsatzbereich des Gatos brauch ich jedoch nicht. Es ist 2 Wochen her, da stand ich im Startblock der Albgoldtrophy. Eigentlich ein schneller Kurs, doch 2 Tage Regen und feuchtes Laub reichten aus, um einige Fahrer an ihre fahrtechnischen Grenzen zu bringen. Selbst in denTop 50 des Rennen fahren gleich 2 Fahrer beim Anbremsen einer Kurve auf nassem Laub geradeaus durchs Absperrband, nicht weil sie zu schnell waren, sondern weil ihnen einfach das nötige Vertrauen in die Kurvenlage fehlte. Zwar ersetzt ein Reifen niemals die fahrtechnischen Skills, wer aber mit den schwachprofilierten XC-Reifen bis dato nicht klar kam, der könnte mit dem Gato II die Sicherheit bekommen um solche Situation mit mehr Selbstvertrauen zu meistern.

Andere Fahrer wiederum haben aus ähnlichen Gründen ihre XC-Hardtails schon mit Reifen aus dem All-Mountain Bereich bestückt. Für diejenigen sei gesagt, wenn ihr Nobby Nic, Mountain King oder Ardent bereits montiert habt, testet mal den Gato II. Ihr werdet vom Grip Niveau nicht enttäuscht, dafür aber wohl schneller unterwegs sein.

Interessant dürft der Gato II auch für die All-Mountain Fraktion im Mittelgebirge sein, gerade wenn ihr längere Distanzen von einem Trail zum nächste überbrücken müsst, ist der Gato II hier sicher ein toller Reifen, er rollt verhältnismäßig leicht und ihr spart eventuell sogar Gewicht was sich mit der Testaussage von Pinkbike deckt.

Blick in die Zukunft

Nach der ersten Testfahrt hat der Gato II mein Interesse geweckt und nun bekommt er in den kommende Wochen endlich die Aufmerksamkeit, die ihm eigentlich von Testbeginn zugestanden hätte. Zwar konnte ich schon viele Eindrücke auf den Trails sammeln, es gibt aber noch 2 Erfahrungen, die ich mit dem Gato II sprichwörtlich erfahren möchte.
Zum einen ist es der Einsatz im Kalksteingebirge. Ich bin schon etliche Reifen gefahren, die im Granitsteingebirge tadellos funktioniert haben, habe ich dann mal eine Abstecher in die nahe gelegene Schweiz gemacht, bin ich schier vom Glauben abgefallen. Ein Reifen, der noch 20 Km zuvor auf deutscher Seite funktioniert hat, schmiert hier plötzlich weg. Grund sind die felsigen Wege, die hier mit einer staubigen Kalkschicht bedeckt sind. Ein kurzer Regenschauer reicht aus und es ist wie auf Schmierseife im Wald. Hier könnte die Stunde des Gato II schlagen, der mit seinen unzähligen Stollen und dem Lamellenprofil am Besten mit solchen Bedingungen zurechtkommt.
Besonders interessant finde ich es auch, den Gato II als Dauerläufer für den Winter zu testen. Durch Bodenfrost verhärtete Böden, die wiederum mit einer feuchten Deckschicht überzogen sind, könnten dem Gato II ebenfalls liegen.
Somit gibt’s noch viel zu erfahren und ich hoffe, dass in den kommenden Monaten auch eines der Testmagazine den Gato II auf den Prüfstand nimmt und mein Empfinden zum Rollwiderstand mit Messwerten unterstreicht.

Happy ride

Euer

Daniel